Kinderbetreuungsgeld:
Verzichten 54 % freiwillig auf mehr Geld?
Mehr als die Hälfte wählt das pauschale Modell — obwohl das einkommensabhängige mit steigendem Einkommen deutlich mehr auszahlt. Das wirft eine unbequeme Frage auf.
Zuerst: zwei Dinge, die oft verwechselt werden
Kinderbetreuungsgeld und Karenz sind völlig verschiedene Dinge. Man kann 12 Monate Kinderbetreuungsgeld beziehen und trotzdem über eine andere Dauer in Karenz bleiben. Die Dauer der Karenz hängt nicht davon ab, wie lange Kinderbetreuungsgeld ausbezahlt wird.
Pauschal oder einkommensabhängig
2022 entschieden sich 46 % der Bezieherinnen und Bezieher für das einkommensabhängige Kinderbetreuungsgeld. 54 % wählten das pauschale Modell. Das pauschale Modell zahlt — unabhängig von der Bezugsdauer — insgesamt rund 15.000 Euro aus. Beim einkommensabhängigen Modell richtet sich die Höhe nach dem Einkommen:
| Einkommen | Auszahlung (rund) |
|---|---|
| Pauschales Modellunabhängig vom Einkommen | 15.000 € |
| 19.000 € | 15.800 € |
| 20.000 € | 16.500 € |
| 21.000 € | 17.100 € |
| 25.000 € | 19.600 € |
| 29.000 € | 22.000 € |
Mit steigendem Einkommen wird das einkommensabhängige Modell also finanziell deutlich attraktiver.
Die Frage, die sich aufdrängt
Wenn ich trotz höheren Einkommens ohnehin länger in Karenz bleiben kann, warum sollte ich freiwillig das pauschale Modell wählen? Natürlich gibt es mögliche Gründe: Planbarkeit, persönliche Präferenzen. Aber eines fällt auf:
Es gibt keine veröffentlichte Statistik darüber, wie hoch das Einkommen der Bezieher des pauschalen Modells tatsächlich war — oder wie viele vor dem Bezug überhaupt erwerbstätig waren.Jael Loutati
Was soll das Kinderbetreuungsgeld eigentlich sein?
Damit kommen wir zur grundsätzlichen politischen Frage: eine Versicherungsleistung? Oder eine allgemeine familienpolitische Transferleistung nach dem Gießkannenprinzip — unabhängig davon, ob zuvor Beiträge geleistet wurden?
Ich traue mich deshalb, eine unbequeme Frage zu stellen — ausdrücklich als Frage, nicht als Behauptung: Verdienen tatsächlich mehr als die Hälfte der Bezieher weniger als rund 18.000 € pro Jahr? Oder verzichten viele bewusst auf mehrere tausend Euro, obwohl das einkommensabhängige Modell für sie günstiger wäre?
Solange Einkommen, Erwerbsstatus und die Wahl des Modells nicht gemeinsam ausgewertet werden, bleibt diese Frage unbeantwortet. Vielleicht wäre genau das der erste Schritt einer ehrlichen Evaluierung.