Wenn der Staat Unterhalt ersetzt —
was passiert mit dem Erwerbsanreiz?
Seit Juli 2026 gibt es einen Unterstützungsfonds für Alleinerziehende. Sozialpolitisch nachvollziehbar. Aber: Bei einkommensabhängigen Leistungen reicht es nicht zu fragen, wie hoch die Unterstützung ist — man muss fragen, was passiert, wenn das Einkommen steigt.
Ein Fonds, der einspringt, wenn Unterhalt ausbleibt
Unter bestimmten Voraussetzungen können Alleinerziehende Unterstützung erhalten, wenn Unterhaltszahlungen beziehungsweise bestimmte Hinterbliebenenleistungen für ein Kind ausbleiben. Dass Kinder nicht darunter leiden sollen, wenn Unterhalt ausfällt, ist sozialpolitisch nachvollziehbar.
Was passiert, wenn sie mehr arbeitet?
Bei einkommensabhängigen staatlichen Leistungen reicht es nicht, nur die Höhe zu betrachten. Man muss betrachten, was mit dem verfügbaren Einkommen passiert, wenn jemand mehr verdient. Ein Beispiel:
Aus einer nominellen Einkommenserhöhung von 400 € kann so ein wesentlich kleinerer tatsächlicher Vorteil werden. Die entscheidende Größe ist nicht die einzelne Leistung — sondern das Zusammenspiel.
Wenn mehrere Systeme aufeinandertreffen
Eine Leistung kann für sich betrachtet sinnvoll ausgestaltet sein. Eine Einkommensgrenze kann für sich betrachtet gerecht erscheinen. Treffen aber mehrere Systeme aufeinander, kann eine einzige zusätzliche Arbeitsstunde gleichzeitig zu vier Effekten führen:
Vier Effekte, eine Stunde Mehrarbeit
- höhere Steuer auf das zusätzliche Einkommen
- höhere Sozialversicherung
- geringerer Transferbezug — Leistungen fallen weg
- zusätzliche Betreuungskosten, die erst durch die Mehrarbeit entstehen
Wenn wir Erwerbsanreize beurteilen wollen, dürfen wir Steuerrecht, Sozialversicherung und Transferleistungen deshalb nicht getrennt betrachten. Entscheidend ist: Wie viel bleibt einem Haushalt tatsächlich zusätzlich, wenn eine Person eine Stunde mehr arbeitet?
„Ein Erwerbsanreiz entsteht nicht dadurch, dass mehr Arbeit möglich ist. Er entsteht dann, wenn sich mehr Arbeit auch lohnt.“Jael Loutati
Nicht kürzen — besser ausgestalten
Das bedeutet nicht, dass Unterstützungen für Alleinerziehende gekürzt werden sollten. Im Gegenteil. Die interessantere Frage wäre, wie Transferleistungen ausgestaltet werden können, ohne zusätzliche Erwerbsarbeit finanziell unattraktiv zu machen. Dazu müsste für typische Haushaltssituationen berechnet werden:
Erst dann sehen wir, wo tatsächlich hohe effektive Grenzbelastungen entstehen. Und erst dann können wir entscheiden, ob wir Menschen lediglich mehr Erwerbsarbeit empfehlen — oder ob unser Steuer- und Transfersystem diese zusätzliche Arbeit auch tatsächlich belohnt.
Wer profitiert — und wer nicht
Erwähnen möchte ich auch: Es gibt Niedriglöhner, die gemeinsam dieses Einkommen gar nicht erreichen — etwa in der Konstellation 1× Vollzeit mit 2.200 € brutto und 1× Teilzeit mit 900 € brutto.
Gleichzeitig werden der Familienbonus Plus sowie Sonderzahlungen u. a. nicht zum Einkommen hinzugerechnet. Alleinverdiener können daher über 4.000 € brutto verdienen und trotzdem vom Unterstützungsfonds für Alleinerziehende profitieren.
Ebenso gibt es zahlreiche Alleinerziehende, die nur minimalen Unterhalt erhalten und unter der Einkommensgrenze liegen: Verdient eine alleinerziehende Person etwa 2.500 € netto und erhält 150 € Unterhalt, hat sie trotz geringerem Haushaltseinkommen keinen Anspruch.
„Vielleicht sollte Österreich steuerlich umdenken und zur Haushaltsbesteuerung übergehen.“Jael Loutati
Transferleistungen sollten Erwerbstätigkeit voraussetzen
Insgesamt sollten diverse Transferleistungen eine Erwerbstätigkeit voraussetzen. Denn auch hier kann es dazu kommen, dass sich das Reduzieren von Stunden — bis die Voraussetzungen für den Unterstützungsfonds erfüllt sind — wirtschaftlich auszahlt.